Ameisenweisheit

Das unvermittelte Aufheulen des Staubsaugers erzeugte eine Kaskade von schmerzhaften Stichen in Glorias Kopf und weckte sie unsanft aus ihrem Schlaf. Gloria Sternchen war eine berühmte Filmschauspielerin, die am Abend zuvor bei der Premiere ihres neuen Spielfilms bis tief in die Nacht gefeiert hatte, wobei reichlich Champagner geflossen war. Stöhnend drehte sie sich zur Seite und zog das Kopfkissen über ihr Ohr. Doch das Brummen des Staubsaugers blieb beharrlich. Seufzend zog sie schließlich ihre Augenmaske herunter und kämpfte sich unter der Satinbettwäsche hervor. Der weiße Seidenmantel flatterte leicht um ihre Beine als sie die Treppe zum Wohnzimmer hinunter schritt.
„Fiorella“, gellte ihre Stimme durch den Raum und übertrumpfte mühelos den Lärm des Staubsaugers.
„Si, Signora?“
Fiorella blickte überrascht von der Couch hoch, die sie gerade hingebungsvoll mit dem Saugrohr bearbeitete. Dabei war ihr ein wenig das Kopftuch verrutscht, unter dem ihre schwarzen Locken sich nur äußerst widerspenstig einsperren ließen.
„Machen Sie endlich diese Höllenmaschine aus!“
Der Lärm verstummte abrupt.
„Viel besser“, seufzte Gloria und ließ sich in den Ledersessel fallen.
„Warum sind Sie nur am frühen Morgen schon so emsig, Fiorella?“
„Es ist bereits Mittag“, antwortete Fiorella und griff zum Stauwedel, um das Sideboard abzustauben.
„Oh, Mittag, tatsächlich? Ach, die Nacht war wohl ein wenig kurz“, Gloria kicherte geheimnisvoll in Erinnerung an die nächtlichen Ereignisse.
Fiorella hatte sich mittlerweile vom Sideboard zum Vitrinenschrank vorgearbeitet, in dem sie nun jeden einzelnen von Glorias gewonnen Filmpreisen in die Hand nahm und mit dem Staubwedel abwischte. Über die Jahre hatte Gloria eine Menge von Auszeichnungen gesammelt und präsentierte sie nun stolz in der Vitrine ihres Ruhmes, wie sie diese gerne nannte.
Kritisch beäugte Gloria ihre Putzfrau, die unter ihrem schäbigen Kittel ein ausgeleiertes Sweatshirt sowie eine zerfranste Jeanshose trug.
„Du bist fleißig wie eine Ameise, Fiorella. Aber wozu? Ich sehe dich immer nur in diesem hässlichen Kittel und den alten Sachen herumrennen. Ist es für dich nicht merkwürdig hier zu arbeiten? Schließlich kann ich mir alles leisten, was ich will – und du nicht …“
Gloria blickte sich in ihrem Wohnzimmer um, das ausschließlich mit teuren Unikaten ausgestattet war. Ihre Villa bestand aus vielen Zimmern, mit denen sich durchaus ein Hotelbetrieb aufziehen ließe. Neben mehreren Gästezimmern hatte sie daraus Fitness- und Wellnessräume gemacht. Eine Bibliothek gab es auch, mit der sie der Presse gegenüber einen intellektuellen Touch erzielen wollte. Die Bücher, die dort in den Regalen schlummerten, hatte sie nie gelesen.
Fiorella senkte den Staubwedel und blickte Gloria erstaunt an.
In dem Moment schrillte ein fürchterlicher Ton durch das ganze Haus. Gloria zog schmerzverzerrt ihr Gesicht zusammen und kauerte sich tiefer in den Sessel hinein.
„Fiorella, die Alarmanlage. Schnell, schau nach, ob alles in Ordnung ist!“
Mit dem Staubwedel bewaffnet eilte Fiorella zur Eingangstür, tippte eine Zahlenkombination in die Alarmanlage, die sofort ihren ohrenzerreißenden Lärm einstellte. Nachdem Fiorella jedes Fenster und jede Tür kontrolliert hatte, kehrte sie ins Wohnzimmer zurück.
„Ein idiota von Fotograf hat den Alarm ausgelöst. Nun hat er sich zu seinen amici auf der anderen Straßenseite getrollt.“
Erleichtert atmete Gloria auf und mit zitternden Händen schenkte sie sich ein Glas Sherry ein.
„Nein, Signora“, sagte Fiorella schließlich.
„Nein, was?“, fragte Gloria, während sie sich wieder in den Sessel einkuschelte.
„Es ist für mich nicht merkwürdig hier zu arbeiten.“
Fiorella griff wieder zum Staubwedel und holte eine weitere Trophäe aus der Vitrine heraus.
„Mir genügt es eine Ameise zu sein.“
Sie stellte die Goldtrophäe abgestaubt wieder in den Schrank zurück.
„Heute ist so ein schöner, sonniger Tag. Ich werde gleich mit meinen bambini in den Zoo gehen. Und heute Abend wird mich mio tesoro mit seiner Pasta verwöhnen.“
Demonstrativ wedelte sie über den Couchtisch, auf dem die Tageszeitung lag. Auf der Titelseite prangte ein Bild von Gloria Sternchen, wie sie sich gerade mit einem unbekannten Mann küsste. Ihr Kleid war verrutscht, so dass ihr rechter Busen nackt zu sehen war. Außerdem hielt sie eine Champagnerflasche in der Hand. Glorias Eskapaden – Peinlichkeiten bei den diesjährigen Filmfestspielen. So titelte die Zeitung.
Glorias Augen weiteten sich vor Schreck und hastig griff sie zur Zeitung, um den Artikel zu lesen.
„Finito, Signora Sternchen.“
Fiorella hatte Kittel und Kopftuch abgelegt und stand nun im Mantel vor Gloria.
„Bleiben Sie heute lieber im Haus, Signora. Eine Horde von Paparazzi lauert draußen auf der Straße.“
Sie warf Gloria noch einen letzten mitleidigen Blick zu, bevor die Tür leise hinter ihr zuklappte. Gloria warf die Zeitung wütend auf den Tisch zurück und zog anschließend sämtliche Vorhänge im Erdgeschoss zu. Still und dunkel war es nun in ihrer großen, schönen Villa.

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