Fünf Glieder in der Nacht
„Ich hasse dich …“ Überrascht hörte ich meine Worte, die Lippen
überwanden, in deren Ränder die Taubheit schon so lange wohnte. Taumelnd
standen sie im Raum und suchten nach sicheren Schritten.
Diese Nacht war nicht dunkel; sie war voller Lichter, ein Meer aus
bunten Fischen, die in Schwärmen durch das Wasser zogen und leuchtende
Spuren hinterließen. Diese Nacht war nicht still; Stimmen und Musik
überall, die durch den Äther bis zu mir wehten, dort oben, wo der
Augenblick mich hielt. Fünf Glieder in der Nacht, an einer Hand mit
sechs Fingern, an einem Arm ausgestreckt, niedergestreckt, festgehalten.
Unter mir das Toben der Cranger Kirmes. Mädchen mit Zuckerwatte im
Gesicht und den Freund im Arm, kreischende Kinder in der Geisterbahn,
kreischende Erwachsene in Karussells, die das Innerste zu Oberst
brauchten, lachen, weinen, würgen, gemischt mit dem Duft von gebrannten
Mandeln und heißem Fett.
Der Augenblick floss wie Bernstein um mich herum, mit zäher, klebriger
Masse, die im Sonnenschein golden schimmert und ihr Inneres offenbart:
eine Mücke, überrascht, nicht mehr fähig die Flügel zu strecken,
willenlos gemacht. Kein Glied ließ sich mehr rühren, nicht Arm, nicht
Bein, nicht Kopf.
„Das ist neu, da müssen wir drauf“, seine Worte keine Bitte, sondern
Befehl.
Ein Arm, lampengeschmückt, schwang sein Gondelkreuz dreißig Meter in die
Höhe, streckte sechs Finger in den Nachthimmel, schwang herum, drehte in
jedem Finger seine fünf Glieder, drehte mir schon beim Zusehen den Magen
um.
„Peter, bitte, ich will nicht, da wird mir schlecht“, flüsterte, hauchte
ich mehr noch mit Stimmbändern von Angst gepackt.
„Ein Kraftwerk aus überirdischer Energie“, pries der Betreiber des
Geräts an, “Kopfstand und Sturzflug der Extraklasse. Kommen Sie rein,
trauen Sie sich …“
„Wir gehen, du Memme!“ Seine Hand umschloss stahlhart meinen Arm, zog,
zerrte mich mit sich in Richtung des Karussells. So saßen wir auch schon
bald in Sitz eins und zwei von fünfen einer Gondel. Schweißnasse Hände
hielten sich an den Bügeln fest. Der Anfang war harmlos. Schwang der Arm
noch gemächlich hin und her. Steigerte schließlich sein Tempo, schwang
über seine Achse, stellte mich kopfüber, jagte mich im Sturzflug dem
Boden wieder zu, um erneut aufzuschwingen an all den Lichtern und
Treiben der Kirmes vorbei.
Plötzlich ein Ruck, ein Kreischen aus meinem Mund. Der Arm blieb stehen,
mitten in der Bewegung, ließ uns kopfüber auf den Platz blicken und
rührte sich nicht mehr.
„Kein Grund zur Panik“, sprang die knarrende Mikrofonstimme des
Betreibers zu uns nach oben. „Den kleinen technischen Defekt haben wir
gleich behoben.“ Mir entging das Zittern in seiner Stimme nicht.
Menschen sammelten sich dort unten, blickten mit ausgestreckten Fingern
herauf. Ihr Raunen und Summen, das an einen Bienenschwarm erinnerte,
konnte ich auch in dreißig Metern Höhe deutlich vernehmen. Ein leichter
Wind wehte um mich herum, lau, sommergewärmt. Der Platz unter mir ein
Lichtteppich mit glitzernden Fäden, die sich bis zum Horizont webten.
Träge floss das Blut in meinen Kopf, drückte sich mit Hilfe der
Schwerkraft durch enge und blockierte Bahnen, trug Sauerstoff in die
dunkelsten Winkel, die zuvor ohne Atem waren. Meine Augen wurden weit,
erblickten nicht Menschen, sondern Lichtgestalten mit einer silbernen
Aura. Mein Kopf schwenkte in seine Richtung. Lichtlos klammerte er sich
an seinen Bügel fest. Die Lippen zu einem dünnen Strich verkniffen.
Schweißperlen benetzten seine Haut und durchtränkten dunkel das
hellblaue Hemd.
Da kam es zum ersten Mal über meine Lippen: „Ich hasse dich“. Zunächst
eher erstaunt und ängstlich auf seine Antwort wartend. Als keine kam,
ich ihn hilflos und schwitzend neben mir gefangen sah, wurden die Worte
mit jedem Blutschwall, der durch meinen Kopf schoss, energischer,
wütender bis sie erste Risse auf meiner Bernsteinhaut schlugen. Er blieb
stumm. Nur das Weiß in seinen Augen spiegelte seine Gefühle.
Der Klang von Sirenen wehte zu uns hoch. Blinkende und hupende
Feuerwehrspielzeugautos schoben sich nach und nach durch die Menge.
„Keine Panik, bleiben Sie bitte ruhig“, knarrte und knackte die
Mikrofonstimme wieder in unsere Richtung. „Wir werden Sie alle gleich
befreien.“
Der gewohnten Perspektive beraubt, rasten meine Gedanken wirr durch den
Kopf, wussten nicht wohin, überschlugen sich mit irrem Gelächter und
wüsten Beschimpfungen in seine Richtung. Dann wieder waren sie ganz
still und verschreckt, verkrochen sich in eine Ecke und hielten den
Blick auf den Boden gerichtet. Doch welcher Boden? Er war nicht mehr
unter meinen Füßen.
Ein Feuerwehrmann stieg auf schwankender Drehleiter zu mir vom Himmel
herab. „Schön, Sie zu sehen“, sprudelte es kichernd über meine Lippen.
„Ich hätte gerne eine Fahrt zur Erde zurück!“ Schmuck sah der Mann in
seiner schwarz-gelben Uniform aus, ein moderner Hermes, der Götterkinder
rettet und die Seelen der Menschen auf ihren Weg in die Unterwelt
begleitet. Lediglich die Flügelchen fehlten ihm an Helm und Füßen.
„Alles wird gut“, grinste er mich mit Perlenzähnen an und das Funkeln
seiner Haselnussaugen erhitzte mir das Herz. Zusammen schwebten wir zur
Erde zurück; mit meinem Kopf an seinen Hals gekuschelt atmete ich seinen
frischen und erdigen Geruch ein. Mein Körper zitterte leicht und so
drückte er mich ein wenig fester an sich. Mit Bedauern nahm ich unsere
Ankunft auf den Boden wahr, viel zu schnell rissen mich Sanitäter von
ihm los und hüllten mich in eine Decke ein. Welch magerer Ersatz für
seine Wärme. Doch mein Götterbote war schon wieder im Himmel
entschwunden, die Nächsten rettend.
Sie schoben mich in ein Zelt, untersuchten mich kurz und drückten mir
dann eine Tasse mit heißem Tee in die Hand. Der wärmte mich nur
äußerlich. Nach Minuten, die ich nicht zählte, weil sie nicht mehr
wichtig waren, hatten sie auch Peter gerettet. So trat statt Hermes
Hades zu mir ins Zelt. Seine Augen, gefangen in einem Netz von roten
Äderchen, gehalten in einem bleichen Gesicht, stierten zu mir herab.
Meine Hand gefror und ließ den Teebecher durch steife Finger fallen.
Seine Hand schob sich aus der grauen Decke hervor und umklammerte
schmerzhaft mein Handgelenk.
„Marie, wir gehen …“
Ich blickte zu ihm auf, blickte durch ihn hindurch. Fühlte die
zerrissene Bernsteinhaut, spürte die lähmende Kälte seiner Hand, die mit
ihren fünf Gliedern auf viele Arten Spuren auf meiner Haut und noch
durch viele Schichten darunter hinterlassen konnte. Durch Muskeln und
Nerven breitete sich diese Eisfront aus. Ich horchte auf das ängstliche
Hämmern meines Herzens als letztes Glied, horchte auf das Flehen in
jedem Schlag, das jede Nacht in meiner Brust tobte, wenn er zu mir kam.
Die Bernsteinhaut wuchs als Grenze zwischen jeden Stoß, der von außen
wie innen mich traf. Doch nun war die Grenze aufgerieben.
Mit ungewohnter Kraft riss ich mich los und stand auf. Seine Augen
flackerten erschrocken, blickten nicht mehr herab. Meine Flügel, an
denen ein letzter Rest von Bernsteinstaub klebte, schlugen zornig, um
ihn abzuschütteln.
„Ich gehe“, spuckte mein Mund ihn an. Mit Schritten, die nun sicher
waren, ging ich achtlos an ihn und der gefallenen Teetasse vorbei, ließ
die grauen Wände des Zeltes hinter mich fallen und tauchte in das
Lichtermeer der Nacht ein.
